Neuer Wehrdienst

Alle jungen Männer werden gemustert, der Dienst bleibt zunächst freiwillig — und wenn zu wenige kommen, kann der Bundestag eine Wehrpflicht auslösen, bei der das Los entscheidet.

Seit dem 1. Januar 2026 erhalten alle jungen Deutschen ab Jahrgang 2008 einen Fragebogen zu Eignung und Bereitschaft; für Männer ist das Ausfüllen Pflicht, für Frauen freiwillig [1]. Für Männer kommt die Musterung hinzu — der Gesetzentwurf rechnet mit rund 300.000 Wehrpflichtigen pro Jahrgang [2]. Der Dienst selbst bleibt freiwillig und wird mit mindestens 2.600 € brutto im Monat sowie einem Führerscheinzuschuss von bis zu 5.000 € vergütet [1][3]. Der Aufwuchspfad auf 260.000 aktive Soldaten und 200.000 Reservisten bis 2035 steht im Gesetz; wird er verfehlt, kann der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht auslösen, bei der ein Zufallsverfahren über die Einberufung entscheidet [3]. Bewertet wird die Wirkung über zehn Jahre, 2026 bis 2035 — den Zeitraum, für den der Aufwuchspfad gilt.

Bilanz

Deutlich schlechter für die Zukunft · 0,17
Pro 9,9 · 17 % Contra 48 · 83 %
Größenklasse: mittel Maßstab dieser Bewertung: 1 Impact-Punkt entspricht rund 100 Mio. € gesellschaftlichem Nutzen pro Jahr. Wie wir bewerten →

Pro-Argumente

Contra-Argumente

7 Argumente bewertet · Scoring v1.3 Δ absolut −38,1

Argumente — Pro

2 Argumente

Größere Truppe, wiederhergestellte Wehrerfassung, glaubwürdige Abschreckung

8,6von 100

Ohne das Gesetz wächst die Bundeswehr um rund 3.600 Soldaten im Jahr und verfehlt ihre Zielstärke von 260.000 deutlich; zudem weiß sie seit 2011 nicht mehr, wer im Ernstfall verfügbar wäre. Musterung, Aufwuchspfad und die Rückfalloption Wehrpflicht sollen beides ändern. Wie stark mehr Köpfe die Wahrscheinlichkeit eines Krieges senken, ist die entscheidende offene Frage der gesamten Bewertung — und der Krieg in der Ukraine spricht dafür, dass der Engpass der Bundeswehr eher bei Drohnen, Munition und Material liegt als bei der Truppenstärke.

Wert 9 · Souveränität & LebenImpact 2,4Plausibilität 4
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Wert

Es geht um den Schutz der staatlichen Existenz und um das Leben von Menschen — die schwerste Kategorie, die diese Bewertung kennt. Ein Angriff auf Bündnisgebiet würde Soldaten und Zivilisten treffen, Infrastruktur zerstören und die Selbstbestimmung des Gemeinwesens infrage stellen. Der Nutzen verteilt sich auf alle: Wer geschützt wird, muss dafür nichts tun und weiß nie, ob er geschützt wurde. Getragen wird die Last dagegen von wenigen — den Herangezogenen und den Steuerzahlern. Diese Asymmetrie ist charakteristisch für Sicherheitsgüter und macht sie politisch schwer zu verteidigen, ohne sie weniger wertvoll zu machen. Der Wert ist hoch: Es geht um Leben und um die Existenz des Gemeinwesens — nicht um Komfort und nicht um Geld.

Impact

Ende Mai 2026 dienten 185.608 Soldatinnen und Soldaten, rund 3.600 mehr als ein Jahr zuvor [4]. Das Gesetz schreibt einen Aufwuchs auf 260.000 aktive Soldaten und mindestens 200.000 Reservisten bis 2035 fest [1][3]. Setzt sich das Tempo des vergangenen Jahres fort, stünden 2035 rund 220.000 Aktive bereit — die Zielmarke wäre um rund 40.000 verfehlt. Genau diese Lücke soll die Maßnahme schließen. Hinzu kommt ein zweiter Kanal: Seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 sind die Strukturen der Wehrerfassung weggefallen; im Spannungs- oder Verteidigungsfall ist unbekannt, wer verfügbar und tauglich ist [2]. Fragebogen und Musterung stellen diese Kenntnis für rund 300.000 Männer pro Jahrgang wieder her [2]. Der Nutzen liegt aber nicht in den Soldaten selbst, sondern in dem, was sie verhindern sollen: einen Angriff auf Bündnisgebiet, den die Bundesregierung im Gesetzentwurf für Russland „innerhalb weniger Jahre“ für möglich hält [2]. Angesetzt sind dafür eine Wahrscheinlichkeit von 6 % über zehn Jahre (Spanne: 2 bis 20 %) und ein deutscher Beitrag zur Risikominderung von 2 % (Spanne: 0,5 bis 8 %) — beides Setzungen, keine Messungen. Beide Zahlen sind bewusst niedrig angesetzt, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Die russischen Landstreitkräfte sind seit vier Jahren in der Ukraine gebunden und schwer abgenutzt; ein Angriff auf NATO-Gebiet würde ein Bündnis mit über drei Millionen Soldaten gegen sich aufbringen [1]. Zweitens, und wichtiger: Der Engpass der Bundeswehr ist nicht die Kopfzahl. Der Wehrbeauftragte führt marode Infrastruktur und fehlendes Material als Dauerbefund [6], und der Krieg in der Ukraine wird von Drohnen, Munitionsmasse und ausgebildeten Operateuren entschieden — ukrainische Kommandeure werfen der Bundeswehr genau hier Lücken vor [21]. Ein Wehrpflichtiger, der nach sechs bis zwölf Monaten wieder geht, trägt dazu wenig bei. Der Impact ist mittel: Selbst ein kleiner Anteil an einem sehr großen vermiedenen Schaden wiegt schwer — aber der Anteil, den die reine Kopfzahl daran hat, ist klein, und er ist der unsicherste Posten der ganzen Rechnung.

Plausibilität

Hier liegt die Schwachstelle des Arguments. Dass mehr Soldaten die Verteidigungsfähigkeit erhöhen, ist unstrittig. Dass sie einen Krieg unwahrscheinlicher machen, ist nicht gemessen und lässt sich auch nicht messen: Es gibt keine Vergleichsgruppe von Ländern, die man mit und ohne Wehrpflicht in denselben Konflikt schicken könnte. Vorbilder existieren — Schweden führte 2017 eine Auswahlwehrpflicht ein, Litauen und Kroatien folgten, Frankreich hat Schritte angekündigt [1]. Ob sie wirken, ist unbekannt. Umstritten ist überdies die Zielzahl selbst. In der Anhörung des Verteidigungsausschusses hielten der Militärhistoriker Sönke Neitzel und der Vorsitzende des BundeswehrVerbands, André Wüstner, 260.000 Aktive für zu wenig und warfen dem Ministerium vor, eine schlüssige Ableitung dieser Zahl schuldig geblieben zu sein [1]. Die Linke bestreitet die sicherheitspolitische Notwendigkeit ganz und verweist auf die NATO-Gesamtstärke von über drei Millionen Soldaten [1]. Hinzu kommt: Ob die Wehrpflicht überhaupt ausgelöst wird, entscheidet der Bundestag in einem eigenen Gesetzgebungsverfahren — angesetzt sind 50 % (Spanne: 25 bis 80 %). Der Einwand, moderne Abschreckung hänge an Material und nicht an Menschen, ist bereits in der Größe des Arguments verrechnet und wird hier nicht ein zweites Mal abgezogen. Die Plausibilität ist niedrig bis mittel: Der Mechanismus ist nachvollziehbar und hat reale Vorbilder — mehr als mittel ist bei einer Wirkung, die niemand je gemessen hat, aber nicht zu erreichen.

evidence_basis: Projektion · P-ceiling 5

Qualifikation und Berufseinstieg für gering qualifizierte Dienstleistende

1,3von 100

Für junge Männer ohne Schulabschluss kann der Dienst als Qualifizierung wirken — mit Ausbildung, Arbeitszeugnis und einem Führerscheinzuschuss von bis zu 5.000 €. Belegt ist der Effekt in Portugal, wo Männer mit nur Primarschulbildung nach dem Dienst 4 bis 5 % mehr verdienten. Die deutsche Studie findet ihn nach sauberer Selektionskorrektur nicht, die schwedische findet für dieselbe Gruppe das Gegenteil — und wer sich qualifizieren will, kann sich schon heute freiwillig verpflichten.

Wert 5 · HaushaltsbudgetImpact 1,3Plausibilität 2
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Wert

Begünstigt wären junge Männer am unteren Rand des Arbeitsmarkts: ohne Abschluss, mit Hauptschulabschluss, mit abgebrochener Ausbildung. Für sie geht es um Geld, das über Jahrzehnte wirkt — mehrere zehntausend Euro über das Erwerbsleben. Ein Euro wiegt bei ihnen schwerer als beim Durchschnittshaushalt, weil ihr Einkommen niedriger ist. Es geht aber um Einkommen, nicht um Existenzsicherung im engeren Sinn: Niemand wird durch den Dienst vor Armut bewahrt, und niemand verliert ohne ihn seine Lebensgrundlage. Der Wert ist mittel: spürbare Geldbeträge für eine einkommensschwache Gruppe, ohne existenzielle Dimension.

Impact

Der Dienst dauert sechs bis zwölf Monate und enthält eine strukturierte Ausbildung. Wer sich für mindestens zwölf Monate verpflichtet, erhält bis zu 3.500 € Zuschuss für den Pkw- und bis zu 5.000 € für den Lkw-Führerschein [3]. Für einen Teil der Dienstleistenden ist das mehr wert als der Sold: Ein Lkw-Führerschein öffnet einen Beruf, ein strukturiertes Jahr überbrückt einen holprigen Übergang von der Schule in die Arbeit. Entscheidend ist aber, wer diesen Gewinn ohne die Maßnahme nicht hätte. Bei der Bundeswehr arbeiten kann man auch heute schon — der freiwillige Wehrdienst existiert. Und der Führerscheinzuschuss setzt eine freiwillige Verpflichtung von mindestens zwölf Monaten voraus: Ein für sechs Monate ausgeloster Wehrpflichtiger bekommt ihn gar nicht [3]. Übrig bleiben die gering Qualifizierten unter jenen, die erst der höhere Sold in den Dienst zieht — angesetzt rund 2.000 Menschen pro Jahr (Spanne: 0 bis 5.000), nicht 5.000 wie zunächst gerechnet. Die Studienlage stützt genau diese schmale Gruppe: Card und Cardoso werteten die portugiesische Wehrpflicht aus und fanden 4 bis 5 Prozentpunkte höhere Löhne für Männer mit nur Primarschulbildung — und keinen Effekt für alle anderen [10]. Bei einem Lebenseinkommen dieser Gruppe von grob 1,0 Mio € entspricht das rund 40.000 € über das Erwerbsleben (Spanne: 0 bis 80.000 €). Die Null in dieser Spanne ist kein Formfehler: Die deutsche Untersuchung findet den Effekt nicht [11]. Der Impact ist klein: eine schmale Gruppe, und der Weg zu ihrem Gewinn steht auch ohne Pflichtelement offen.

Plausibilität

Die einschlägigen Studien widersprechen sich — und die beiden, die Deutschland am nächsten kommen, finden nichts oder das Gegenteil. Card und Cardoso finden für Portugal einen klaren Gewinn bei gering Gebildeten [10]. Bauer, Bender, Paloyo und Schmidt nutzen für Deutschland die Stichtagsregelung der Musterung als natürliches Experiment und finden: Der scheinbare Lohnvorteil Gedienter verschwindet vollständig, sobald man herausrechnet, dass die Bundeswehr ohnehin die Tauglicheren nahm [11]. Hubers und Webbink messen für die Niederlande 3 bis 4 % niedrigere Löhne noch 18 Jahre nach dem Dienst [9]. Hjalmarsson und Lindquist finden für Schweden — Friedensdienst, moderne Jahrgänge — sogar für die benachteiligten Dienstleistenden signifikant niedrigere Einkommen und mehr Transferbezug [16]; das ist genau die Gruppe, für die der portugiesische Befund einen Gewinn ausweist. Der portugiesische Befund selbst stammt aus den 1980er-Jahren und aus einem Land, in dem viele Männer nur vier Jahre Schule hatten. Die Plausibilität ist sehr niedrig: Ein starker Befund für eine schmale Gruppe, aber aus einem Land und einer Zeit, die mit Deutschland heute wenig zu tun haben — und die beiden kontextnächsten Studien finden ihn nicht.

evidence_basis: Studie · P-ceiling 3

Argumente — Contra

5 Argumente · Top 3 angezeigt

Öffentliche Kosten des Aufwuchses

32von 100

Über zehn Jahre gemittelt kostet der neue Wehrdienst den Bund angesetzt rund 1 Mrd € zusätzlich pro Jahr (Spanne: 0,5 bis 2,5 Mrd €). Amtlich beziffert ist nur der Anlauf: 495 Mio € für 2026, rund 849 Mio € für 2029 — die Kosten einer möglichen Einberufung sind darin ausdrücklich nicht enthalten. Das ist der größte Posten der Bilanz und der einzige, dessen Größenordnung außer Streit steht.

Wert 5 · StaatsfinanzenImpact 10Plausibilität 6,5
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Wert

Es handelt sich um Mittel des Bundeshaushalts: Sold, Ausbildung, Kasernen, Ausrüstung. Sie treffen niemanden existenziell, aber sie fehlen anderswo — im selben Etat konkurrieren sie mit Beschaffung, Munition und Infrastruktur, deren Rückstand der Wehrbeauftragte seit Jahren beschreibt [6]. Der Etat wächst zwar: Deutschland hat in Den Haag zugesagt, bis 2035 mindestens 3,5 % des Bruttoinlandsprodukts für Kernverteidigung aufzuwenden [13]. Auch ein wachsender Etat bleibt aber ein begrenzter Etat. Öffentliche Mittel sind die Rechnungseinheit dieser Bewertung: Sie wiegen genau so viel, wie sie kosten, nicht mehr und nicht weniger. Der Wert ist mittel: gewöhnliche Haushaltsmittel ohne besondere Schwere — aber in einem Etat, in dem jeder Euro bereits verplant ist.

Impact

Der Gesetzentwurf beziffert die Mehrausgaben des Bundes auf 495 Mio € für 2026, rund 603 Mio € für 2027, rund 713 Mio € für 2028 und rund 849 Mio € für 2029 [2]. Was diese Zahlen nicht enthalten, steht ausdrücklich im Text: die Kosten einer gegebenenfalls erfolgenden Einberufung [2]. Nach 2029 wächst der Posten weiter, weil der Aufwuchspfad wächst. Allein der Wehrsold von 2.600 € brutto für angestrebte 40.000 Dienstleistende im Jahr ergibt gut 1,2 Mrd € [1]; Ausbildung, Unterbringung und persönliche Ausrüstung kommen hinzu. Gegenzurechnen ist, was auch ohne die Maßnahme angefallen wäre — im Mai 2026 leisteten 12.744 Menschen Dienst im Neuen Wehrdienst, zu niedrigerem Sold [4]. Über zehn Jahre gemittelt bleiben angesetzt rund 1,0 Mrd € zusätzliche Bundesausgaben pro Jahr (Spanne: 0,5 bis 2,5 Mrd €). Zum Vergleich: Das ifo Institut veranschlagt für eine Wehrpflicht mit 195.000 zusätzlichen Soldaten Staatsausgaben von 3,2 Mrd € jährlich [7] — dieselbe Größenordnung, auf den hier bewerteten Umfang skaliert. Das Geld fehlt an anderer Stelle im Verteidigungshaushalt, der 2026 auf 108,2 Mrd € steigt [14]. Der Impact ist mittel: Es ist viel Geld, aber es ist Geld — und im Vergleich zum Beschaffungsetat von 47,88 Mrd € [14] bleibt der Posten überschaubar.

Plausibilität

Dass die Kosten anfallen, folgt unmittelbar aus dem Gesetzesvollzug; strittig ist allein die Höhe. Bis 2029 ist sie amtlich beziffert und im Haushalt hinterlegt [2]. Danach hängt sie an zwei Größen: wie viele Dienstleistende tatsächlich kommen und ob die Wehrpflicht ausgelöst wird. Beides ist offen. Bemerkenswert ist, was der Gesetzentwurf selbst einräumt: Die Kosten einer Einberufung gibt er nicht an [2]. Das spricht dafür, dass die obere Kante der Spanne eher zu niedrig als zu hoch angesetzt ist. Mehr als hoch ist bei einer Zahl, deren Mengengerüst nach 2029 auf Annahmen beruht, nicht zu erreichen. Die Plausibilität ist hoch: Der Kostenanfall ist sicher und für vier Jahre amtlich beziffert — unsicher ist nur, wie weit er darüber hinaus steigt.

evidence_basis: Mechanismus · P-ceiling 8

Erzwungene Lebenszeit: Freiheitseingriff und Opportunitätskosten der Herangezogenen

15von 100

Wird die Wehrpflicht ausgelöst, entscheidet bei Überhang das Los, wen es trifft. Die Herangezogenen verlieren sechs bis zwölf Monate Selbstbestimmung — Kasernenpflicht, Befehl und Gehorsam, erzwungene körperliche Belastung, keine Wahl von Ort und Aufgabe — und tragen nach mehreren Studien auch dauerhaft niedrigere Einkommen. Das ist der einzige Posten der Bilanz, dessen Last eine ausgeloste Minderheit allein trägt.

Wert 8 · Freiheit & LebenschancenImpact 4,1Plausibilität 4,5
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Wert

Hier wiegt nicht das Geld, sondern was hinter dem Geld steht. Der Staat greift auf die Lebenszeit einer Minderheit zu, die er per Zufall auswählt — nicht nach Eignung, nicht nach Bereitschaft, sondern durch das Los [3]. Betroffen sind ausschließlich Männer; für Frauen ist selbst der Fragebogen freiwillig [1]. Getroffen werden sie in dem Lebensabschnitt, in dem Ausbildung, Studium und Berufseinstieg entschieden werden. Zugleich ist der Eingriff begrenzt: Er ist befristet, er wird bezahlt, er ist im Grundgesetz seit jeher vorgesehen. Und wer den Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen ablehnt, kann ihn verweigern: 2025 taten das 3.867 Menschen, im ersten Quartal 2026 bereits 2.656 [12]. Deshalb steht dieser Posten in der Abwägung und nicht außerhalb von ihr. Der Wert ist hoch: Es geht um fremdbestimmte Lebenszeit und Lebenschancen einer ausgelosten Minderheit — schwerer als Geld, aber gemildert durch Bezahlung, Befristung und das Recht zu verweigern.

Impact

Das Gesetz sieht vor, dass der Bundestag eine Bedarfswehrpflicht auslösen kann, wenn der Aufwuchspfad verfehlt wird; stehen dann mehr taugliche Wehrpflichtige zur Verfügung als gebraucht werden, wird ausgelost [3]. Angesetzt sind rund 25.000 Einberufungen im Jahr, wirksam in etwa sechs der zehn Bewertungsjahre. Dass es dazu überhaupt kommt, ist mit 50 % angesetzt (Spanne: 25 bis 80 %) — im Erwartungswert rund 7.500 Herangezogene pro Jahr. Für sie fällt zweierlei an. Erstens der Verlust an Selbstbestimmung. Der Wehrsold von 2.600 € brutto gleicht das Einkommen weitgehend aus [1] — er gleicht aber nicht aus, was der Dienst tatsächlich nimmt: Kasernenpflicht, eingeschränkte Bewegungsfreiheit, Unterstellung unter Befehl und Gehorsam, erzwungene körperliche Belastung, keine Wahl von Ort, Aufgabe und Vorgesetzten. Ein Jahr, in dem ein anderer über den Tagesablauf des eigenen Körpers bestimmt. Was ein Ausgeloster verlangen würde, um das freiwillig zu tun, liegt weit über der Lohndifferenz; angesetzt sind 20.000 € je Dienstjahr (Spanne: 8.000 bis 40.000 €) — deutlich mehr als in der ersten Fassung dieser Bewertung. Dass die Lücke groß ist, zeigt die Rechnung des ifo Instituts: Dieselbe Truppe über den Markt zu gewinnen kostet den Staat mehr (7,7 statt 3,2 Mrd €), die Volkswirtschaft aber weniger (9,4 statt 17,1 Mrd €) [7]. Die Differenz ist der Preis des Zwangs. Zweitens die Spätfolgen. Poutvaara und Wagener rechnen mit rund 1 % geringerem Lebenseinkommen je Dienstjahr [8]. Das ifo Institut kommt auf ein lebenslang rund 12 % niedrigeres Vermögen [7]. Hubers und Webbink messen für die Niederlande 3 bis 4 % niedrigere Löhne noch 18 Jahre nach dem Dienst und eine um knapp 4 Prozentpunkte geringere Chance auf einen Hochschulabschluss [9]. Hjalmarsson und Lindquist finden für Schweden niedrigere Einkommen und mehr Transferbezug bei Dienstleistenden aus benachteiligten Haushalten [16]. Angesetzt sind daraus 30.000 € Lebenseinkommensverlust je Betroffenem (Spanne: 5.000 bis 80.000 €), gerechnet für die rund 85 %, für die die Evidenz einen Verlust ausweist. Der Impact ist mittel: Es sind vergleichsweise wenige Betroffene — aber jeden Einzelnen trifft es hart, und was ihm genommen wird, ist nicht Geld.

Plausibilität

Dass der Dienst Zeit und Selbstbestimmung kostet, ist keine Frage der Evidenz, sondern eine Definition: Wer ausgelost wird, verliert sie mit Sicherheit. Strittig ist der Preis — und die Spätfolgen. Vier Arbeiten finden einen Einkommensverlust: Poutvaara und Wagener in einer Modellrechnung [8], das ifo Institut in einer Lebenszyklus-Simulation [7], Hubers und Webbink in niederländischen Daten [9], Hjalmarsson und Lindquist in schwedischen Registerdaten [16]. Eine Arbeit findet für Deutschland gar keinen Effekt, sobald die Selektion herausgerechnet wird [11]; eine findet für eine Teilgruppe sogar einen Gewinn [10] — er ist als eigenes Argument gebucht und hier nicht abgezogen. Über allem steht eine zweite Unsicherheit: Ob überhaupt jemand herangezogen wird, entscheidet der Bundestag durch ein weiteres Gesetz. Kommt es nie dazu, entfällt dieses Argument fast vollständig — und mit ihm ein Teil des Nutzens auf der anderen Seite. Dieser Vorbehalt steckt bereits in der Zahl der Betroffenen und wird hier nicht ein zweites Mal abgezogen. Die Plausibilität ist mittel: Der Verlust an Selbstbestimmung ist sicher, seine Bezifferung eine Setzung, die Spätfolgen umstritten — und ob der Fall überhaupt eintritt, ist eine politische Frage, keine empirische.

evidence_basis: Studie · P-ceiling 5

Zeitaufwand von Fragebogen und Musterung für einen ganzen Jahrgang

0,5von 100

Jeder Mann ab Jahrgang 2008 muss den Fragebogen ausfüllen und sich mustern lassen. Der Gesetzentwurf rechnet mit rund 300.000 Wehrpflichtigen pro Jahrgang und 6 Stunden je Musterung — zusammen 1,8 Millionen Stunden im Jahr. Ein kleiner Posten je Einzelnem, breit gestreut über einen ganzen Jahrgang.

Wert 4 · Zeit & KomfortImpact 0,2Plausibilität 6,5
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Wert

Betroffen ist ein ganzer Jahrgang junger Männer, jeder mit einem Tag Zeit und einer Anreise. Das ist Aufwand, kein Schaden: Niemand verliert Einkommen, niemand wird in seiner Gesundheit oder Existenz berührt. Über 300.000 Menschen summiert sich der Posten dennoch. Er trifft eine Altersgruppe, die ohnehin am wenigsten gefragt wurde: Bundesjugendring und Bundesschülerkonferenz kritisierten in der Anhörung, dass die Betroffenen bei der Ausarbeitung des Gesetzes nicht gehört wurden [1]. Der Wert ist niedrig: Zeit und Aufwand vieler Menschen, im Einzelfall überschaubar.

Impact

Die Pflicht trifft alle: Wer den Fragebogen nicht ausfüllt, begeht eine Ordnungswidrigkeit [3]. Der Gesetzentwurf beziffert den Aufwand selbst — rund 300.000 Wehrpflichtige pro Jahrgang und 6 Stunden je Musterung, zusammen 1.800.000 Stunden laufender Aufwand im Jahr [2]. Hinzu kommt etwa eine Stunde für den Fragebogen. Bewertet man diese Zeit mit rund 20 € je Stunde, ergibt das gut 40 Mio € jährlich. Dazu kommen die Kriegsdienstverweigerungsverfahren: 2025 gingen 3.867 Anträge ein, im ersten Quartal 2026 bereits 2.656 — bleibt der Trend, wird 2026 der höchste Stand seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 erreicht [12]. Jeder Antrag kostet die Antragstellenden Zeit und oft Beratung. Gegenzurechnen ist der Kapazitätsaufbau: Nach Angaben des Ministeriums wird zunächst vorrangig gemustert, wer sich freiwillig meldet — der volle Jahrgang wird erst erfasst, wenn die Musterungsstellen stehen [3]. Der Impact ist sehr klein: Es sind sehr viele Betroffene, aber der Aufwand je Person liegt bei einem Tag.

Plausibilität

Der Aufwand folgt unmittelbar aus dem Gesetz, und seine Höhe steht im Gesetzentwurf selbst [2] — belastbarer wird eine Mengenangabe kaum. Unsicher ist nur das Tempo: Solange die Musterungskapazität fehlt, wird nicht der ganze Jahrgang einbestellt, sondern vorrangig, wer sich ohnehin gemeldet hat [3]. Wie schnell die Kapazität aufgebaut wird, ist offen; im Juli 2026 liefen erst die Planungen für die Reaktivierung von Kasernen. Die Zahl der Kriegsdienstverweigerungsanträge ist ein früher Indikator dafür, dass die Pflicht in der betroffenen Altersgruppe ankommt [12]. Die Plausibilität ist hoch: Der Aufwand ist gesetzlich vorgeschrieben und amtlich beziffert — nur der Zeitpunkt, zu dem er voll anfällt, verschiebt sich.

evidence_basis: Mechanismus · P-ceiling 8

Verletzte und Tote im Dienst

0,2von 100

Der Wehrdienst ist körperlich gefährlich, und zwar messbar: 2024 kamen neun Soldatinnen und Soldaten in Ausübung des Dienstes ums Leben, seit Gründung der Bundeswehr rund 3.000 — die meisten bei Unfällen, nicht im Gefecht. Auf rund 20.000 zusätzliche Dienstleistende pro Jahr gerechnet sind das etwa ein Toter und rund 400 Verletzte jährlich. Gemessen an der Bilanz ist der Posten klein; für die Betroffenen ist er es nicht.

Wert 10 · Leben & GesundheitImpact 0,0Plausibilität 6
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Wert

Hier geht es um Leben und Gesundheit — die schwerste Kategorie, die diese Bewertung kennt. Betroffen sind ausschließlich die Dienstleistenden selbst, und unter ihnen jene, die sich den Dienst nicht ausgesucht haben. Ein Ausgeloster kann den Schaden nicht abwählen, nicht versichern und nicht wegverhandeln; er kann ihn nur tragen. Der Schaden ist bewusst als eigener Posten geführt und nicht in den Einkommensverlust der Herangezogenen eingerechnet: Ein zerstörtes Knie ist kein entgangener Lohn. Auch die Behandlungs- und Versorgungskosten des Bundes stehen nicht hier — sie sind das kleinste der drei Probleme und dürfen den Schaden an den Menschen nicht ersetzen. Der Wert ist sehr hoch: Es geht um Leben und Gesundheit junger Menschen, die den Dienst nicht gewählt haben — schwerer wiegt in dieser Bewertung nichts.

Impact

Die Frage ist einfach und die Antwort amtlich: Wie gefährlich ist der Dienst? Im Jahr 2024 kamen neun Soldatinnen und Soldaten in Ausübung des Dienstes ums Leben, bei rund 181.000 Aktiven — rund fünf je 100.000 und Jahr [19]. Zum Vergleich: In der zivilen Erwerbsarbeit liegt die Quote in Deutschland bei etwa einem tödlichen Unfall je 100.000 Beschäftigten. Seit Gründung der Bundeswehr sind rund 3.000 Angehörige infolge der Dienstausübung gestorben — die meisten bei Unfällen, nicht im Gefecht [19]. Verletzungen sind ungleich häufiger. Für 2008 — das letzte Jahrzehnt der Wehrpflicht, mit rund 250.000 Soldaten — weist die Statistik 5.125 in Ausübung des Dienstes Verletzte aus, rund zwei von hundert pro Jahr [20]. Die Grundausbildung ist die verletzungsintensivste Phase des Soldatenberufs: Märsche, Gefechtsdienst, Sport, Schießausbildung. Die Maßnahme schickt im Horizontmittel rund 20.000 Menschen pro Jahr zusätzlich durch genau diese Phase — rund 7.500 Ausgeloste und rund 12.500 zusätzliche Freiwillige (Spanne: 8.000 bis 40.000). Auf sie gerechnet: etwa ein Toter und rund 400 Verletzte pro Jahr, davon ein kleiner Teil mit bleibenden Schäden. Ein 19-Jähriger, der bei einer Übung stirbt, verliert rund sechzig Jahre Leben. Wer nach einem Marsch mit einer zerstörten Bandscheibe nach Hause geht, trägt sie sein Leben lang. Unterstellt ist dabei ein Grundwehrdienst im Inland — im Verteidigungsfall stünde eine ganz andere Rechnung. Der Impact ist sehr klein: wenige Fälle im Jahr — aber sie sind der schwerste Einzelschaden, den die Maßnahme anrichtet, und sie treffen ausschließlich die Dienstleistenden.

Plausibilität

Der Zusammenhang braucht keine Studie: Wer körperlich ausgebildet wird, verunglückt mit einer Rate, die aus der Statistik der Bundeswehr ablesbar ist, und mehr Dienstleistende erzeugen proportional mehr Unfälle. Die Raten selbst sind amtlich [19][20]. Drei Dinge bleiben unsicher. Erstens ist die Verletzungsquote von 2008 die letzte verfügbare Vollreihe aus der Wehrpflichtzeit — seither hat sich die Arbeitssicherheit verbessert, die Zahl dürfte heute niedriger liegen. Zweitens hängt die Zahl der Exponierten daran, ob die Wehrpflicht ausgelöst wird und wie schnell der Aufwuchs gelingt. Drittens ist die durchschnittliche Schwere einer „Dienstverletzung“ nirgends ausgewiesen; die hier angesetzte Größenordnung — im Mittel etwa ein Monat verlorene gesunde Zeit, bei wenigen Fällen dauerhaft — ist eine Setzung. Die Plausibilität ist hoch: Dass Menschen im Dienst zu Schaden kommen, ist belegt und gezählt — offen ist nur, wie viele es unter dieser Maßnahme sein werden.

evidence_basis: Mechanismus · P-ceiling 7

Mehr Gewalt- und Waffenkriminalität nach dem Dienst

0,1von 100

Drei Studien, die Losverfahren als natürliches Experiment nutzen, finden nach dem Wehrdienst mehr Straftaten — in Argentinien besonders bei Delikten mit Waffen, in Schweden getragen von Dienstleistenden aus benachteiligten Verhältnissen. Eine vierte, australische Studie findet keinen solchen Effekt. Auf die deutsche Fallzahl gerechnet wären es rund 60 zusätzliche Gewaltdelikte im Jahr — ein Effekt am Rand der Sichtbarkeit, für die Opfer aber nicht.

Wert 6 · Kriminalität & FinanzenImpact 0,0Plausibilität 3,5
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Wert

Getroffen werden hier Dritte: Menschen, die mit dem Wehrdienst nichts zu tun haben und Opfer einer Gewalttat werden, die es ohne ihn womöglich nicht gegeben hätte. Eine Körperverletzung kostet Gesundheit, Arbeitszeit und oft dauerhaft das Gefühl von Sicherheit — das wiegt schwer. Zugleich fällt der kleinere Teil des Schadens bei Justiz und Vollzug an: gewöhnliche öffentliche Mittel, die anderswo fehlen. Beide Ströme sind in diesem Argument zusammengefasst, der Schaden an den Opfern ist der schwerere von beiden. Der Wert ist mittel bis hoch: Gesundheit von Menschen, die nichts damit zu tun haben — gemischt mit Kosten, die nur Geld sind.

Impact

Die Frage, ob Waffenausbildung und Zwangsgemeinschaft junge Männer gewaltbereiter machen, ist untersucht — an Losverfahren, also unter Bedingungen, unter denen man Ursache und Wirkung sauber trennen kann. Lindo und Stoecker werteten die Vietnam-Losverfahren aus: Der Militärdienst erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer Haftstrafe wegen einer Gewalttat um 0,34 Prozentpunkte — und senkte sie zugleich um 0,30 Prozentpunkte bei Nichtgewalttaten [17]. Galiani, Rossi und Schargrodsky fanden am argentinischen Losverfahren mehr Vorstrafen, „insbesondere bei Delikten mit Waffen“, und zwar auch bei denen, die im Frieden dienten [15]. Hjalmarsson und Lindquist fanden für den schwedischen Friedensdienst mehr Straftaten zwischen 23 und 30 Jahren; der Mechanismus, den sie identifizieren, ist nicht die Waffe, sondern die Gruppe: negative Peer-Effekte während der Dienstzeit, konzentriert bei jungen Männern aus benachteiligten Haushalten und mit Vorgeschichte [16]. Auf Deutschland übertragen: rund 20.000 zusätzliche Dienstleistende pro Jahr, angesetzte 0,3 Prozentpunkte zusätzliche Wahrscheinlichkeit einer Gewalttat je Person (Spanne: 0 bis 1,0) — rund 60 zusätzliche Gewaltdelikte jährlich (Spanne: 0 bis 200). Gemessen an über 200.000 registrierten Gewaltdelikten im Jahr ist das ein Effekt, den keine Kriminalstatistik je nachweisen könnte. Für die rund 60 Menschen, die ihn erleiden, ist er trotzdem real. Der Impact ist sehr klein: Der Effekt ist an Losverfahren belegt, aber die deutsche Fallzahl ist zu klein, um in der Gesellschaft sichtbar zu werden.

Plausibilität

Vier Auswertungen, drei davon an Losverfahren — und sie sind sich nicht einig. Argentinien, Vietnam und Schweden finden den Effekt [15][16][17]. Australien findet ihn nicht: Siminski, Ville und Paull werteten die australischen Vietnam-Losverfahren aus und schließen mit 95 % Konfidenz jeden Gewalteffekt oberhalb von 3,6 % über dem Mittelwert aus [18]. Für Dänemark findet eine weitere Arbeit sogar weniger Eigentumsdelikte bei Vorbestraften. Die kontextnächste Studie ist die schwedische: Friedensdienst, moderne Jahrgänge, kurze Dienstzeit — sie findet den Effekt. Aber Deutschland 2026 unterscheidet sich von allen vier Fällen: kürzerer Dienst, anderes Auswahlverfahren, andere Rekrutierungsbasis. Und die Gegenrichtung ist ausdrücklich nicht gegengerechnet: Dass der Dienst während seiner Dauer Kriminalität unterbindet und Nichtgewalttaten senkt, würde diesen Posten weiter verkleinern. Die Plausibilität ist niedrig: Drei saubere Studien finden den Effekt, eine ebenso saubere findet ihn nicht — und keine davon hat den deutschen Wehrdienst von 2026 untersucht.

evidence_basis: Studie · P-ceiling 4

Summary

Das Problem ist echt: Die Bundeswehr wächst um rund 3.600 Soldaten im Jahr und verfehlt bei diesem Tempo ihre Zielstärke von 260.000 bis 2035 um rund 40.000 [4]; seit 2011 weiß der Staat zudem nicht mehr, wer im Ernstfall verfügbar und tauglich wäre [2]. Die Maßnahme löst den zweiten Teil davon — Musterung und Wehrerfassung kehren zurück —, den ersten nur, wenn der Bundestag die Wehrpflicht tatsächlich auslöst, was ein eigenes Gesetz verlangt. Der tragende Nutzen liegt aber gar nicht in den Köpfen selbst, sondern in dem Krieg, den sie verhindern sollen — und genau dort ist nichts belegt: Es gibt keine Messung, wie stark 40.000 zusätzliche Soldaten die Wahrscheinlichkeit eines Angriffs senken, und die Erfahrung aus der Ukraine spricht dafür, dass der Engpass der Bundeswehr bei Drohnen, Munition, Luftverteidigung und Material liegt, nicht bei der Truppenstärke [6][21]. Was dagegen steht, ist kleiner, aber sicher: rund 1 Mrd € Bundesmittel im Jahr, amtlich beziffert bis 2029 [2], und der erzwungene Dienst von im Erwartungswert 7.500 jungen Männern jährlich — sechs bis zwölf Monate unter Befehl, ausgelost, nicht gewählt. Der Dienst ist dabei auch körperlich gefährlich: Rein rechnerisch kostet er unter den zusätzlichen Dienstleistenden etwa einen Toten und rund 400 Verletzte pro Jahr [19][20]. Dass Wehrpflicht die Gesellschaft messbar gewalttätiger macht, lässt sich dagegen nicht belegen: Drei Losverfahren-Studien finden mehr Gewalt- und Waffendelikte nach dem Dienst, eine ebenso saubere findet nichts [15][17][18] — und die deutsche Fallzahl wäre zu klein, um sichtbar zu werden. Damit ist die Abwägung von der Sorte, bei der eine Seite groß, aber unbelegt ist und die andere klein, aber gewiss: Die Kosten und der Zwang sind bezifferbar, der Nutzen ist eine Setzung — und deshalb fällt die Bilanz mit den hier gewählten Annahmen deutlich negativ aus. Das Scharnier ist eine einzige Zahl. Wer den deutschen Personalbeitrag zur Abschreckung nicht mit 2 %, sondern mit 10 % ansetzt, dreht das Ergebnis. Diese Bewertung sagt nicht, welcher Wert richtig ist — sie sagt, dass alles andere daran hängt.

Ausblick — Zwei Zukünfte

Deutlich schlechter für die Zukunft · 0,17
heute Δ −38,1 F1 — mit Neuer Wehrdienst F0 — Baseline ohne Maßnahme +5 Jahre +10 Jahre Wohlfahrt → F0 als Referenz konstant · F1 über/unter Baseline = positive/negative Nettoveränderung · Δ = Nettoscore

Quellen

  1. Deutscher Bundestag: Bundestag stimmt für neues Wehrdienstgesetz (05.12.2025), einschließlich der öffentlichen Anhörung des Verteidigungsausschusses vom 10.11.2025. bundestag.de
  2. Deutscher Bundestag: Gesetzentwurf der Bundesregierung: Wehrdienst-Modernisierungsgesetz (Drucksache 21/1853, 29.09.2025) — Haushaltsausgaben und Erfüllungsaufwand. dserver.bundestag.de
  3. Augen geradeaus!: Gesetz für „Neuen Wehrdienst“ steht: Aufwuchspfad (§ 91), Bedarfswehrpflicht mit Zufallsverfahren (§ 2a), Pflicht-Musterung, Wehrsold und Führerscheinzuschuss (03.12.2025). augengeradeaus.net
  4. Bundeswehr: Personalzahlen der Bundeswehr (Quelle BMVg A I 1, Stand 31.05.2026). bundeswehr.de
  5. BMVg: Positiver Personaltrend der Bundeswehr hält im Jahresvergleich an (17.03.2026): 16.100 Bewerbungen, +20 % gegenüber Vorjahr. bmvg.de
  6. ZDFheute: Wehrbeauftragter sieht Freiwilligkeit mit „Skepsis“ — Jahresbericht 2025 von Henning Otte (03.03.2026). zdfheute.de
  7. ifo Institut (Panu Poutvaara): Höhere Wehrdienst-Gehälter besser als Wehrpflicht (20.03.2025): Wehrpflicht 3,2 Mrd € Staatsausgaben und 17,1 Mrd € volkswirtschaftliche Kosten gegenüber 7,7 bzw. 9,4 Mrd € bei Marktlöhnen. ifo.de
  8. Poutvaara / Wagener: The Political Economy of Conscription (CESifo Working Paper 2821) — Humankapitalverluste und Fehlallokation von Talenten. ifo.de
  9. Hubers / Webbink: The long-term effects of military conscription on educational attainment and wages, IZA Journal of Labor Economics 4:10 (2015). link.springer.com
  10. Card / Cardoso: Can Compulsory Military Service Raise Civilian Wages? Evidence from the Peacetime Draft in Portugal, American Economic Journal: Applied Economics 4(4), 2012. aeaweb.org
  11. Bauer / Bender / Paloyo / Schmidt: Evaluating the Labor-Market Effects of Compulsory Military Service (IZA Discussion Paper 4535; European Economic Review 56, 2012) — Lohnvorteil verschwindet nach Selektionskorrektur. docs.iza.org
  12. Der Tagesspiegel: Musterung ist zurück: Zahl der Kriegsdienstverweigerer steigt (27.04.2026, nach Angaben des BAFzA): 2024: 2.998; 2025: 3.867; 1. Quartal 2026: 2.656. tagesspiegel.de
  13. Bundesregierung: NATO-Gipfel Den Haag 2025: mindestens 3,5 % des BIP für Kernverteidigung und bis zu 1,5 % für Infrastruktur und Resilienz bis 2035. bundesregierung.de
  14. Deutscher Bundestag: heute im bundestag 360/2025: Etat 2026 — Verteidigungsausgaben von 108,2 Mrd €, militärische Beschaffung 47,88 Mrd €. bundestag.de
  15. Galiani / Rossi / Schargrodsky: Conscription and Crime: Evidence from the Argentine Draft Lottery, American Economic Journal: Applied Economics 3(2), 2011 — mehr Vorstrafen nach dem Dienst, insbesondere bei Waffendelikten, auch in Friedenskohorten. aeaweb.org
  16. Hjalmarsson / Lindquist: The Causal Effect of Military Conscription on Crime, The Economic Journal 129(622), 2019 — Schweden, Friedensdienst, moderne Kohorten: mehr Straftaten und niedrigere Einkommen, getragen von Dienstleistenden aus benachteiligten Haushalten. academic.oup.com
  17. Lindo / Stoecker: Drawn into Violence: Evidence on „What Makes a Criminal“ from the Vietnam Draft Lotteries, Economic Inquiry 52(1), 2014 — +0,34 Prozentpunkte Haft wegen Gewalttat, −0,30 Prozentpunkte wegen Nichtgewalttat. onlinelibrary.wiley.com
  18. Siminski / Ville / Paull: Does the military turn men into criminals? New evidence from Australia's conscription lotteries, Journal of Population Economics 29(1), 2016 — kein Gewalteffekt; Effekte über 3,6 % mit 95 % Konfidenz ausgeschlossen. link.springer.com
  19. Statista / Bundeswehr: In Ausübung des Dienstes getötete Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr (2024: 9); insgesamt rund 3.000 seit 1955, überwiegend bei Unfällen. de.statista.com
  20. Statista / Bundeswehr: In Ausübung des Dienstes verletzte Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr (2008: 5.125 bei rund 250.000 Aktiven). de.statista.com
  21. Der Tagesspiegel: Ukraine als Vorbild in der Kriegsführung: So passt sich die Bundeswehr an die Drohnen-Revolution an — ukrainische Kommandeure zu den Fähigkeitslücken der Bundeswehr. tagesspiegel.de

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