Größere Truppe, wiederhergestellte Wehrerfassung, glaubwürdige Abschreckung
Ohne das Gesetz wächst die Bundeswehr um rund 3.600 Soldaten im Jahr und verfehlt ihre Zielstärke von 260.000 deutlich; zudem weiß sie seit 2011 nicht mehr, wer im Ernstfall verfügbar wäre. Musterung, Aufwuchspfad und die Rückfalloption Wehrpflicht sollen beides ändern. Wie stark mehr Köpfe die Wahrscheinlichkeit eines Krieges senken, ist die entscheidende offene Frage der gesamten Bewertung — und der Krieg in der Ukraine spricht dafür, dass der Engpass der Bundeswehr eher bei Drohnen, Munition und Material liegt als bei der Truppenstärke.
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Wert
Es geht um den Schutz der staatlichen Existenz und um das Leben von Menschen — die schwerste Kategorie, die diese Bewertung kennt. Ein Angriff auf Bündnisgebiet würde Soldaten und Zivilisten treffen, Infrastruktur zerstören und die Selbstbestimmung des Gemeinwesens infrage stellen. Der Nutzen verteilt sich auf alle: Wer geschützt wird, muss dafür nichts tun und weiß nie, ob er geschützt wurde. Getragen wird die Last dagegen von wenigen — den Herangezogenen und den Steuerzahlern. Diese Asymmetrie ist charakteristisch für Sicherheitsgüter und macht sie politisch schwer zu verteidigen, ohne sie weniger wertvoll zu machen. Der Wert ist hoch: Es geht um Leben und um die Existenz des Gemeinwesens — nicht um Komfort und nicht um Geld.
Impact
Ende Mai 2026 dienten 185.608 Soldatinnen und Soldaten, rund 3.600 mehr als ein Jahr zuvor [4]. Das Gesetz schreibt einen Aufwuchs auf 260.000 aktive Soldaten und mindestens 200.000 Reservisten bis 2035 fest [1][3]. Setzt sich das Tempo des vergangenen Jahres fort, stünden 2035 rund 220.000 Aktive bereit — die Zielmarke wäre um rund 40.000 verfehlt. Genau diese Lücke soll die Maßnahme schließen. Hinzu kommt ein zweiter Kanal: Seit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 sind die Strukturen der Wehrerfassung weggefallen; im Spannungs- oder Verteidigungsfall ist unbekannt, wer verfügbar und tauglich ist [2]. Fragebogen und Musterung stellen diese Kenntnis für rund 300.000 Männer pro Jahrgang wieder her [2]. Der Nutzen liegt aber nicht in den Soldaten selbst, sondern in dem, was sie verhindern sollen: einen Angriff auf Bündnisgebiet, den die Bundesregierung im Gesetzentwurf für Russland „innerhalb weniger Jahre“ für möglich hält [2]. Angesetzt sind dafür eine Wahrscheinlichkeit von 6 % über zehn Jahre (Spanne: 2 bis 20 %) und ein deutscher Beitrag zur Risikominderung von 2 % (Spanne: 0,5 bis 8 %) — beides Setzungen, keine Messungen. Beide Zahlen sind bewusst niedrig angesetzt, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Die russischen Landstreitkräfte sind seit vier Jahren in der Ukraine gebunden und schwer abgenutzt; ein Angriff auf NATO-Gebiet würde ein Bündnis mit über drei Millionen Soldaten gegen sich aufbringen [1]. Zweitens, und wichtiger: Der Engpass der Bundeswehr ist nicht die Kopfzahl. Der Wehrbeauftragte führt marode Infrastruktur und fehlendes Material als Dauerbefund [6], und der Krieg in der Ukraine wird von Drohnen, Munitionsmasse und ausgebildeten Operateuren entschieden — ukrainische Kommandeure werfen der Bundeswehr genau hier Lücken vor [21]. Ein Wehrpflichtiger, der nach sechs bis zwölf Monaten wieder geht, trägt dazu wenig bei. Der Impact ist mittel: Selbst ein kleiner Anteil an einem sehr großen vermiedenen Schaden wiegt schwer — aber der Anteil, den die reine Kopfzahl daran hat, ist klein, und er ist der unsicherste Posten der ganzen Rechnung.
Plausibilität
Hier liegt die Schwachstelle des Arguments. Dass mehr Soldaten die Verteidigungsfähigkeit erhöhen, ist unstrittig. Dass sie einen Krieg unwahrscheinlicher machen, ist nicht gemessen und lässt sich auch nicht messen: Es gibt keine Vergleichsgruppe von Ländern, die man mit und ohne Wehrpflicht in denselben Konflikt schicken könnte. Vorbilder existieren — Schweden führte 2017 eine Auswahlwehrpflicht ein, Litauen und Kroatien folgten, Frankreich hat Schritte angekündigt [1]. Ob sie wirken, ist unbekannt. Umstritten ist überdies die Zielzahl selbst. In der Anhörung des Verteidigungsausschusses hielten der Militärhistoriker Sönke Neitzel und der Vorsitzende des BundeswehrVerbands, André Wüstner, 260.000 Aktive für zu wenig und warfen dem Ministerium vor, eine schlüssige Ableitung dieser Zahl schuldig geblieben zu sein [1]. Die Linke bestreitet die sicherheitspolitische Notwendigkeit ganz und verweist auf die NATO-Gesamtstärke von über drei Millionen Soldaten [1]. Hinzu kommt: Ob die Wehrpflicht überhaupt ausgelöst wird, entscheidet der Bundestag in einem eigenen Gesetzgebungsverfahren — angesetzt sind 50 % (Spanne: 25 bis 80 %). Der Einwand, moderne Abschreckung hänge an Material und nicht an Menschen, ist bereits in der Größe des Arguments verrechnet und wird hier nicht ein zweites Mal abgezogen. Die Plausibilität ist niedrig bis mittel: Der Mechanismus ist nachvollziehbar und hat reale Vorbilder — mehr als mittel ist bei einer Wirkung, die niemand je gemessen hat, aber nicht zu erreichen.