AU-Pflicht ab Tag 1

Beschäftigte sollen eine ärztliche Krankschreibung schon vom ersten Fehltag an vorlegen müssen statt wie bisher erst ab dem vierten Tag.

Beschäftigte müssen eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung künftig vom ersten Krankheitstag an vorlegen — bisher ist sie erst ab dem vierten Kalendertag nötig, Arbeitgeber können sie aber schon heute früher verlangen [3]. Beschlossen hat die Regelverschiebung der Koalitionsausschuss von Union und SPD Anfang Juli 2026 als Teil des Pakets „Aufschwung und Beschäftigung“ — parallel sollen die telefonische Krankschreibung entfallen und falsche Atteste härter bestraft werden [1]. Ausnahmen auf Betriebs- und Tarifebene sind angekündigt, das Gesetzgebungsverfahren steht noch aus [3][4]. Der Bund kann die Änderung im Entgeltfortzahlungsgesetz selbst regeln. Bewertet wird die Wirkung über zehn Jahre, 2027 bis 2036.

Bilanz

Deutlich schlechter für die Zukunft · 0,18
Pro 6,4 · 18 % Contra 30 · 82 %
Größenklasse: klein Maßstab dieser Bewertung: 1 Impact-Punkt entspricht rund 100 Mio. € gesellschaftlichem Nutzen pro Jahr. Wie wir bewerten →

Pro-Argumente

Contra-Argumente

4 Argumente bewertet · Scoring v1.3 Δ absolut −23,6

Argumente — Pro

1 Argument

Weniger kurze Fehlzeiten durch die Attesthürde

6,4von 100

Die Attesthürde soll kurze Krankmeldungen verhindern, die ohne Arztbesuch leichter fallen. Im Zentralfall werden so etwa 1,5 Millionen Fehltage pro Jahr vermieden — ein Bruchteil des Krankenstands. Ob der Effekt eintritt oder durch längere ärztliche Krankschreibungen ins Gegenteil kippt, ist die offenste Frage der ganzen Rechnung.

Wert 5 · UnternehmensbudgetsImpact 3,2Plausibilität 4
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Wert

Der Nutzen käme zunächst den Arbeitgebern zugute: Sie zahlen bei Krankheit das Gehalt weiter, 2024 zusammen rund 82 Milliarden Euro einschließlich Sozialbeiträgen [5]. Jeder vermiedene Fehltag bedeutet, dass für die ohnehin gezahlten Arbeitskosten von 45,00 € je Stunde wieder Arbeitsleistung erbracht wird [10]. Über Preise, Löhne und Beiträge verteilt sich ein solcher Gewinn breit über Unternehmen und Beschäftigte. Es ist ein gewöhnlicher wirtschaftlicher Vorteil — kein Schutz von Gesundheit oder Existenz. Wer krank zur Arbeit geht, erbringt zudem nur einen Teil der normalen Leistung; dieser Abschlag ist in der Rechnung bereits enthalten. Der Wert ist mittel: Es geht um Geld und Produktionsleistung in normaler wirtschaftlicher Verwendung, nicht um höherrangige Güter.

Impact

Ohne die Maßnahme bleibt es bei der geltenden Regel: Eine ärztliche Bescheinigung ist erst nötig, wenn die Erkrankung länger als drei Kalendertage dauert [3]. Der amtlich gemessene Krankenstand lag 2024 bei 14,8 Krankheitstagen je Arbeitnehmer und war erstmals seit 2017 leicht rückläufig [11]. Kurze Erkrankungen von ein bis drei Tagen kommen heute meist ohne Arztkontakt aus; die Kassenärztliche Bundesvereinigung schätzt ihre Zahl konservativ auf rund 30 Millionen Episoden pro Jahr [2]. Mit der Attestpflicht ab Tag 1 steht vor jeder Krankmeldung eine Hürde: Wer zu Hause bleiben will, muss noch am selben Tag eine Praxis erreichen. Ein Teil der kürzesten Meldungen dürfte dann unterbleiben, weil Beschäftigte durcharbeiten, statt den Weg in die Praxis anzutreten. Angesetzt sind zentral 7,5 % der erfassten Kurzepisoden (Spanne: 2 bis 20 %), orientiert an einem schwedischen Experiment, in dem eine spätere Attestpflicht die Fehlzeiten je Episode um 6,6 % verlängerte [6][7]. Gegenzurechnen sind die Fälle, in denen die Praxis länger krankschreibt, als die Person von sich aus zu Hause geblieben wäre [4]. Netto ergibt das zentral rund 1,5 Millionen vermiedene Fehltage pro Jahr; die Spanne reicht von 6 Millionen vermiedenen bis zu 2 Millionen zusätzlichen Tagen, falls der Verlängerungseffekt überwiegt [4]. Zum Vergleich: Die Entgeltfortzahlung kostete die Arbeitgeber 2024 rund 82 Milliarden Euro [5]. Der Impact ist klein: Selbst im günstigen Fall bewegt sich nur ein Bruchteil der Fehltage, und im ungünstigen Fall kehrt sich die Wirkung um.

Plausibilität

Direkte Belege für eine Attestpflicht ab dem ersten Tag gibt es nicht; die nächste Evidenz stammt aus Schweden. Dort wurde 1988 in zwei Regionen per Zufallszuteilung die Attestpflicht vom achten auf den fünfzehnten Tag verschoben — die Krankheitsepisoden dauerten dadurch im Schnitt 6,6 % länger [6][7]. Frühere Kontrolle verkürzt Fehlzeiten dort also messbar, allerdings an einer anderen Stelle der Episode und in einem anderen System: am Tag 8 statt am Tag 1, in einer Sozialversicherung statt bei deutscher Lohnfortzahlung. Für Deutschland erwarten mehrere Fachstimmen keinen Rückgang: Das DIW rechnet eher mit mehr Fehltagen, weil Praxen erfahrungsgemäß gleich mehrere Tage krankschreiben und Ansteckungen am Arbeitsplatz zunehmen können [4]. Der Hausärzteverband hält eine Senkung der Krankheitstage für eine „Illusion“ [3]. Der Anstieg der gemeldeten Fälle seit 2022 geht nach Auswertungen von Zi, DAK und AOK zudem vor allem auf die elektronische Erfassung zurück, nicht auf laxere Kontrolle [2][3]. Und die telefonische Krankschreibung — eine Lockerung in die Gegenrichtung — hat die Fallzahlen nicht messbar erhöht; ihr Anteil liegt bei 0,8 bis 1,2 % aller Bescheinigungen [4]. Die Plausibilität bleibt niedrig bis mittel: Ein einzelnes, weit entferntes Experiment spricht dafür, die deutsche Fachdebatte überwiegend dagegen — mehr trägt diese Beleglage nicht.

evidence_basis: Studie · P-ceiling 5

Argumente — Contra

3 Argumente

Millionen zusätzliche Arztbesuche binden Praxiszeit

22von 100

Jede kurze Erkrankung müsste künftig durch eine Praxis, die sie heute nie sieht. Nach der einzigen öffentlichen Hochrechnung entstehen bis zu 30 Millionen zusätzliche Arztkontakte im Jahr, die knappe Behandlungszeit binden. Das ist der größte Einzelposten der Bewertung.

Wert 5 · Vollzug & VerfahrenImpact 7,2Plausibilität 6
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Wert

Getragen wird die Last vom ambulanten Versorgungssystem — und damit letztlich von allen gesetzlich Versicherten. Arztzeit, Personalzeit und Vergütung, die für das Ausstellen von Bescheinigungen aufgewendet werden, stehen für Diagnose und Behandlung nicht zur Verfügung. Es handelt sich um beitragsfinanzierte Ressourcen, dieselbe Kategorie wie Steuergeld, das anderswo fehlt. Die möglichen Folgeschäden verdrängter Behandlungen — etwa bei chronisch Kranken — sind darin noch nicht enthalten; sie sind nicht bezifferbar und bleiben hier ausgewiesen, aber ungewertet. Für die Praxen selbst kommt der Aufwand zu einer ohnehin angespannten Versorgungslage hinzu [2][3]. Der Wert ist mittel: Beitragsfinanzierte Systemressourcen wiegen wie öffentliche Mittel — verlässlich, aber nicht existenziell.

Impact

Heute erreichen kurze Erkrankungen die Praxen gar nicht — mit der Pflicht ab Tag 1 müssten sie es. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet konservativ mit 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr, wenn Attestpflicht ab Tag 1 und Wegfall der Telefon-Krankschreibung zusammenkommen [2]. Bei zehn Minuten je Kontakt entspricht das nach KBV-Rechnung 208.000 kompletten Arbeitstagen ärztlicher Zeit [2]. In der hiesigen Rechnung sind zentral 22 Millionen zusätzliche Kontakte angesetzt (Spanne: 12 bis 35 Millionen), weil betriebliche und tarifliche Ausnahmen einen Teil der Beschäftigten ausnehmen dürften [3][4]. Das bindet rund 3,7 Millionen Arztstunden pro Jahr, dazu Personal- und Verwaltungszeit für Terminvergabe und Ausstellung. Diese Kapazität fehlt an anderer Stelle: Praxen und Sozialverband warnen, dass die Versorgung tatsächlich behandlungsbedürftiger Patienten zurückstehen müsste [2][3]. Für die Kassen entstehen dabei zunächst kaum Mehrausgaben, weil die ambulante Vergütung weitgehend budgetiert ist — die Kosten zeigen sich als verdrängte Behandlungszeit; bei Privatversicherten wird dagegen jeder Zusatzkontakt einzeln vergütet und schlägt sich in den Prämien nieder. Ärztliche Zeit ist die knappste Ressource des ambulanten Systems; ein niedergelassener Praxisinhaber erwirtschaftete 2022 im Schnitt einen Jahresüberschuss von 190.400 € [9]. Der Impact ist der größte der ganzen Bewertung, weil sehr viele Kontakte zusammenkommen und jeder einzelne knappe Praxiszeit verbraucht.

Plausibilität

Dass die Besuche stattfinden, folgt fast zwingend aus der Regel: Ohne Bescheinigung gibt es keinen gesicherten Anspruch auf Lohnfortzahlung, also gehen Erkrankte hin [3]. Unsicher ist allein die Menge. Die 30 Millionen sind eine Hochrechnung der KBV — einer Partei mit eigenem Interesse im Streit; sie ist bislang die einzige öffentliche Zahl und als „konservativ“ ausgewiesen [2]. Nach unten wirken drei Faktoren: betriebliche Ausnahmen, die der Kanzler in Aussicht gestellt hat [3], abweichende Arbeits- und Tarifverträge [4] und ein möglicher Rest an Telefon- oder Videobescheinigungen, falls dieser Kanal doch teilweise erhalten bleibt [1]. Nach oben wirkt, dass Beschäftigte mit mehreren Kurzinfekten im Jahr mehrfach kommen müssten. Das schwedische Experiment fand schon 1988, dass die eingesparten Arztbesuche den Nutzen früherer Kontrolle nicht aufwiegen [6][7] — und dort ging es um weit weniger Kontakte je vermiedenem Fehltag als hier. Die Plausibilität ist mittel bis hoch: Der Mechanismus ist zwingend, nur das Mengengerüst stammt aus einer einzigen, interessengebundenen Hochrechnung.

evidence_basis: Projektion · P-ceiling 6,5

Zeit- und Wegeaufwand kranker Beschäftigter

5,7von 100

Millionen Kranke müssten für ein bis drei Fehltage künftig erst in die Praxis — zusammen rund 44 Millionen Stunden Weg- und Wartezeit im Jahr. Der Lohn bleibt unberührt; es ist der Alltagspreis der Kontrolle, bezahlt von den Erkrankten selbst.

Wert 4 · Zeit & KomfortImpact 2,2Plausibilität 6,5
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Wert

Den Aufwand tragen kranke Beschäftigte und ihre Familien — Zeit, Wege und Wartezimmerstunden statt Bettruhe. Es ist ein Komfort- und Zeitverlust, kein Eingriff in Einkommen oder Gesundheit; der Lohn wird unverändert fortgezahlt [3]. Pro Kopf und Jahr bleibt die Belastung meist unterhalb dessen, was ein Haushalt deutlich spürt, auch wenn die einzelne Episode — krank in der Schlange — unangenehm ist. Gewerkschaften und Opposition sehen darüber hinaus einen „Generalverdacht“ gegen Beschäftigte [3][4]. Dieser Vertrauensschaden ist real, lässt sich aber nicht als eigener Posten beziffern und ist hier nicht eingerechnet. Der Wert ist niedrig: eine verbreitete, aber pro Person begrenzte Alltagslast.

Impact

Wer künftig einen Tag mit einem Magen-Darm-Infekt zu Hause bleiben will, muss vorher in die Praxis: Weg, Anmeldung, Wartezimmer, Termin. Bei zentral 22 Millionen zusätzlichen Kontakten (Spanne: 12 bis 35 Millionen) und angesetzt zwei Stunden je Besuch summiert sich das auf rund 44 Millionen Stunden pro Jahr — aufgebracht von Menschen, die gerade krank sind. Je betroffener Person sind das zwei bis vier Stunden im Jahr; für Beschäftigte mit mehreren Infekten entsprechend mehr. Verglichen mit der bisherigen Alternative — auskurieren im Bett, die Meldung an den Arbeitgeber genügt [3] — ist das ein reiner Zusatzaufwand ohne medizinischen Gegenwert; die KBV spricht vom „reinen Ausfüllen von Zetteln“ [2]. Fällt die telefonische Krankschreibung wie beschlossen weg [1], gibt es für diese Fälle keinen einfacheren Kanal mehr. Der Impact ist klein bis mittel: sehr viele Betroffene, aber ein pro Kopf und Jahr überschaubarer Zeitverlust.

Plausibilität

Der Aufwand folgt unmittelbar aus der Pflicht: Ohne Praxiskontakt keine Bescheinigung, ohne Bescheinigung kein gesicherter Anspruch [3]. Strittig ist nur, wie viele Kontakte es werden und wie lange der einzelne dauert. Die Kontaktzahl hängt an derselben Hochrechnung und denselben Ausnahmen wie das Praxis-Argument [2][3]. Die zwei Stunden je Besuch sind angesetzt; in überfüllten Praxen — die die Maßnahme selbst erzeugt — dürfte eher die Obergrenze gelten, bei Terminvergabe im Voraus die Untergrenze. Dass der erwartete Alltagsaufwand real wahrgenommen wird, zeigt eine Umfrage: 59 % der Bevölkerung lehnen die Attestpflicht ab Tag 1 ab, 31 % begrüßen sie [4]. Die Plausibilität ist mittel bis hoch: Der Zeitaufwand ist sicher, nur seine Gesamtmenge teilt die Unsicherheit des Kontaktvolumens.

evidence_basis: Mechanismus · P-ceiling 7,5

Mehr Ansteckung durch Kranke am Arbeitsplatz und im Wartezimmer

2,4von 100

Die Hürde drückt kranke Menschen an den Arbeitsplatz und in volle Wartezimmer — beides verbreitet Infekte. Der Ansteckungsmechanismus ist durch US-Reformdaten belegt, seine Größe hier aber unsicher. Weil die Folgen auf der Gesundheit liegen, wiegt schon ein kleiner Effekt spürbar.

Wert 9 · GesundheitImpact 0,6Plausibilität 4,5
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Wert

Betroffen sind drei Gruppen: die krank Arbeitenden selbst, deren Genesung sich verzögern kann, ihre Kolleginnen und Kollegen, die sich anstecken, und Praxispatienten — darunter Ältere und Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Die Wartezimmer-Konstellation trifft gerade jene, die den Kontakt am wenigsten vermeiden können, weil sie ernsthaft krank sind. Es geht überwiegend um milde Infekte, im Einzelfall aber um Menschen, für die eine Grippe gefährlich wird. Gesundheitsfolgen wiegen in der Bewertung schwerer als gleich große Geld- oder Zeitposten. Zugleich geht es hier überwiegend um kurze, überschaubare Erkrankungen und nicht um die Gesundheit eines Menschen im Ganzen; die seltenen ernsten Verläufe tragen das Gewicht allein. Der Wert ist hoch, aber nicht am obersten Rand: Die Folgen liegen auf der Gesundheit, überwiegend jedoch in milder, vorübergehender Form.

Impact

Zwei Wege führen von der Attestpflicht zu mehr Ansteckung. Erstens gehen Beschäftigte, die den Praxisbesuch scheuen, mit leichten Infekten zur Arbeit; genau die Episoden, die das Pro-Argument als vermiedene Fehltage verbucht, finden dann hustend im Büro statt. Zweitens sitzen Millionen Infektiöse, die bisher zu Hause blieben, künftig in Wartezimmern neben Älteren und chronisch Kranken [2][3]. In der Rechnung sind zentral rund 400.000 zusätzliche Ansteckungsfälle pro Jahr angesetzt (Spanne: 100.000 bis 1,2 Millionen), abgeleitet aus den zentral 1,8 Millionen unterdrückten Episoden und den 22 Millionen zusätzlichen Praxiskontakten. Je Fall entstehen einige Tage Krankheit; die dadurch verursachten neuen Fehltage sind bereits im Nettoergebnis des Pro-Arguments verrechnet, hier zählt nur die Krankheitslast selbst. Der DGB warnt zusätzlich vor chronischen Folgen, wenn Auskurieren regelmäßig unterbleibt [4]; dieser Kanal steckt in der Obergrenze der Spanne. Der Impact ist klein, weil die einzelnen Erkrankungen meist mild verlaufen — aber er liegt auf der Gesundheit, nicht beim Geld.

Plausibilität

Dass Anwesenheitsdruck Infektionen verbreitet, ist empirisch gut gestützt. Als US-Städte und -Bundesstaaten bezahlte Krankentage einführten, sank die Grippe-Erkrankungsrate der Bevölkerung um rund 5 % — Beschäftigte, die zu Hause bleiben konnten, steckten weniger Kollegen an [8]. Die Untersuchung vergleicht echte Reformen im Vorher-nachher-Design und zieht auch deutsche Änderungen der Lohnfortzahlung heran [8]. Offen ist die Übertragung: Hier wird nicht die Bezahlung verändert, sondern eine Attesthürde eingeführt; wie viele Menschen deshalb krank arbeiten gehen, hängt an derselben unsicheren Verhaltensfrage wie das Pro-Argument. Der Wartezimmer-Kanal wird von Ärzten, Kassen und Sozialverband gleichlautend benannt [2][3], ist aber nirgends vermessen. Die Plausibilität ist mittel: Der Ansteckungsmechanismus ist belegt, seine Größe in dieser besonderen Konstellation nicht.

evidence_basis: Studie · P-ceiling 5,5

Summary

Die Attestpflicht ab dem ersten Tag setzt eine Kontrolle an eine Stelle, an der bisher die Meldung an den Arbeitgeber genügte — und bezahlt dafür vor allem mit Praxiszeit. Der einzige klare Gewinn, weniger kurze Fehlzeiten, ist klein und schon im Vorzeichen umstritten: Er kann durch großzügigere ärztliche Krankschreibungen und zusätzliche Ansteckungen ins Gegenteil kippen. Sicher sind dagegen die Gegenposten — Millionen zusätzliche Arztkontakte, gebundene Behandlungszeit und der Zeitaufwand der Erkrankten selbst. In der Gesamtrechnung liegt die Contra-Seite deshalb deutlich vorn; nur wenn die Abschreckung am oberen Rand der Spanne läge und die Ausnahmen zugleich eng blieben, kämen sich die Seiten näher — beides zusammen ist kaum möglich, weil ein starker Effekt viele erfasste Fälle voraussetzt. Das Scharnier bleibt die Frage, ob die Fehltage überhaupt sinken: Die schwedische Erfahrung sagt ja, die deutsche Fachdebatte überwiegend nein.

Ausblick — Zwei Zukünfte

Deutlich schlechter für die Zukunft · 0,18
heute Δ −23,6 F1 — mit AU-Pflicht ab Tag 1 F0 — Baseline ohne Maßnahme +5 Jahre +10 Jahre Wohlfahrt → F0 als Referenz konstant · F1 über/unter Baseline = positive/negative Nettoveränderung · Δ = Nettoscore

Quellen

  1. Bundesregierung: Ein Programm für Aufschwung und Beschäftigung — Beschluss des Koalitionsausschusses vom 2. Juli 2026 (Ziffer 11). bundesregierung.de
  2. Deutsches Ärzteblatt: Attest ab dem ersten Tag: Vertragsärzte rechnen mit 30 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen (03.07.2026). aerzteblatt.de
  3. Apotheken Umschau: Regierung will Krankschreibung ab dem ersten Tag – und kein Attest per Telefon (02.07.2026). apotheken-umschau.de
  4. ZDFheute: DIW: Neue Krankschreibe-Regeln könnten Fehlzeiten erhöhen (04.07.2026). zdfheute.de
  5. IW Köln (Pimpertz): IW-Kurzbericht 75/2025: Entgeltfortzahlung bei Krankheit kostet 82 Milliarden Euro. iwkoeln.de
  6. IFAU (Hesselius/Johansson/Larsson): Monitoring sickness insurance claimants: evidence from a social experiment (Working Paper 2005:15). swopec.hhs.se
  7. Cochrane Database of Systematic Reviews: Self-certification versus physician certification of sick leave for reducing sickness absence and associated costs. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
  8. Pichler/Ziebarth: The Pros and Cons of Sick Pay Schemes: Testing for Contagious Presenteeism and Noncontagious Absenteeism Behavior (J. Public Economics 2017; NBER w22530). nber.org
  9. Zi (Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung): Zi-Praxis-Panel, Jahresbericht 2023 (Jahresüberschuss je Praxisinhaber 2022: 190.400 €). zi.de
  10. Destatis: PM Nr. 148: Arbeitskosten je geleistete Arbeitsstunde 2025 (45,00 €, EU-Vergleich). destatis.de
  11. Destatis: Indikator Krankenstand (IAB-Arbeitszeitrechnung): 14,8 AU-Tage je Arbeitnehmer 2024. destatis.de
  12. IFAU (Yakymovych): Medical certificates and sickness absence: who stays away from work if monitoring is relaxed? (Working Paper 2024:19). ifau.se

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