Zusätzliche Einstellungen durch längere Erprobung
Wer ohne Grund vier statt zwei Jahre befristen darf, geht bei unsicherer Auftragslage eher das Risiko einer Einstellung ein. Im Zentralfall entstehen so rund 12.000 zusätzliche Arbeitsplätze — gemessen an 2,94 Millionen Arbeitslosen ein kleiner Beitrag. Ob überhaupt neue Stellen entstehen oder nur bestehende umetikettiert werden, ist die offenste Frage der ganzen Rechnung.
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Wert
Der Gewinn läge bei Menschen, die den Sprung aus der Arbeitslosigkeit in Arbeit schaffen. Für sie geht es nicht nur um Einkommen, sondern um Tagesstruktur, beruflichen Anschluss und gesellschaftliche Teilhabe — Güter, die in der Bewertung schwerer wiegen als betrieblicher Komfort oder Verwaltungsaufwand. Betroffen wären überproportional Berufseinsteiger: Bei den unter 25-Jährigen liegt der Befristungsanteil an Neueinstellungen mit 37 Prozent am höchsten [2]. Das IAB zeigt zudem, dass der Übergang aus Arbeitslosigkeit in einen befristeten Vertrag fast denselben Lohnzuwachs bringt wie der in einen unbefristeten; der Unterschied liegt bei rund 10 Prozent [3]. Eine befristete Stelle ist damit für Arbeitslose ein nahezu gleichwertiger Einstieg — nur eben ohne Sicherheit. Der Wert ist hoch: Es geht um die Teilhabe am Erwerbsleben für Menschen, die sie sonst nicht hätten.
Impact
Ohne die Maßnahme bleibt es bei der geltenden Regel: höchstens 24 Monate ohne Sachgrund, höchstens drei Verlängerungen, und nur, wenn die Person noch nie im Betrieb gearbeitet hat [1][8]. Von den rund 4,18 Millionen sozialversicherungspflichtigen Neueinstellungen des Jahres 2025 waren 26 Prozent — etwa 1,06 Millionen — zunächst befristet; etwa die Hälfte davon ohne Sachgrund [2][8]. Mit der Neuregelung verdoppeln sich Höchstdauer und Verlängerungszahl, und eine frühere Beschäftigung im selben Betrieb steht einer erneuten sachgrundlosen Befristung nicht mehr entgegen [1]. Der Arbeitsmarktökonom des Instituts der deutschen Wirtschaft erwartet, dass Betriebe dadurch auch bei Unsicherheit über ihren künftigen Arbeitskräftebedarf eher einstellen [7]. Angesetzt sind zentral 12.000 zusätzlich beschäftigte Personen im Jahresdurchschnitt; die Spanne reicht von 35.000 weniger bis 70.000 mehr [10][13]. Zum Vergleich: Im Juni 2026 waren 2,94 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet [16]. Das negative Ende der Spanne bildet den spanischen Befund ab. Dort senkte die Freigabe befristeter Verträge die gearbeiteten Tage der betroffenen Jahrgänge langfristig um 4,5 Prozent, weil mehr Menschen zwischen kurzen Jobs und Arbeitslosigkeit pendelten [10]. Entscheidend ist, wie viele der neuen Vier-Jahres-Verträge tatsächlich Menschen erreichen, die sonst arbeitslos wären — und nicht solche, die sonst einen unbefristeten Vertrag bekommen hätten. Der Impact ist klein: Selbst am oberen Rand bewegt sich die Zahl zusätzlich Beschäftigter im Promillebereich der Erwerbstätigkeit, und das Vorzeichen ist nicht gesichert.
Plausibilität
Ein direkter Beleg für die Wirkung einer Verlängerung von 24 auf 48 Monate existiert nicht; die nächstliegende Evidenz kommt aus anderen Ländern und aus der Gesamtschau der Forschung. Eine Meta-Analyse von 881 Schätzungen aus 75 Studien findet: Nach Korrektur für Publikationsverzerrung lässt sich kein Effekt des Kündigungsschutzes auf die Arbeitslosigkeit nachweisen, der von null verschieden wäre [13]. Spanien gab 1984 befristete Verträge frei — kurzfristig stieg die Wahrscheinlichkeit, dass männliche Schulabbrecher vor dem 19. Lebensjahr arbeiteten, um 9 Prozent; langfristig sanken ihre Arbeitstage um 4,5 und ihre Verdienste um 9 Prozent [10]. Für Frankreich zeigen Blanchard und Landier, dass befristete Verträge vor allem die Fluktuation erhöhten, ohne die Arbeitslosigkeit zu verkürzen [11]. Hinzu kommt der deutsche Befund: Nach IAB-Daten dient nur etwa ein Fünftel der befristeten Neueinstellungen einem vorübergehenden Bedarf, der Rest deckt langfristigen Bedarf und funktioniert als verlängerte Probezeit [2][8]. Zwei Jahre Erprobung plus sechs Monate Probezeit stehen dafür schon heute zur Verfügung; neu ist im Kern der Wegfall des Anschlussverbots, das Rückkehrer und ehemalige Aushilfen bisher ausschloss [7]. Auch der deutsche Verlauf spricht gegen einen starken Zusammenhang. Der Befristungsanteil bei Neueinstellungen fiel von 44 Prozent (2018) auf 25 Prozent (2024). Zugleich wurden 2023 mit 4,66 Millionen so viele Menschen neu eingestellt wie in keinem Jahr der Zeitreihe [2]. Die Plausibilität ist niedrig: Der Mechanismus ist nachvollziehbar, aber die einschlägige Reform- und Gesamtevidenz findet keinen positiven Beschäftigungseffekt — mehr als niedrig trägt diese Beleglage nicht.